Wilhelm Költgen

Ein Mann lebt seinen Beruf.

Wilhelm Költgen ist behindert. Ihm fehlt seit Geburt die rechte Hand. Trotzdem fährt er leidenschaftlich Motorrad und bewegt seine HP 1250 GS gekonnt durch die Dolomiten. Auf das „HP" legt er Wert.

Und nicht nur das. Er hilft anderen, die gleichermaßen behindert sind, wieder oder erstmals aufs Motorrad. Seine Firma „Költgen GmbH" in Krefeld an der Oberbenrader Straße 407 ist nicht nur irgendeine Schrauberwerkstatt. Hier wird der Umbau behindertengerechter Kraftfahrzeuge regelrecht gelebt. Mehr als 8000 zufriedene Kunden sprechen eine eindeutige Sprache. Und die Geschichte hinter diesem Betrieb ist faszinierend.

Sag einfach Willi zu mir...

„Sag einfach Willi zu mir. Das macht es unkompliziert und einfacher." Wilhelm Költgen, verheiratet, 60 Jahre jung, dynamisch, aktiv und immer freundlich, begrüßt mich genauso, als ich mich gerade formvollendet in seinem Büro vorstellen möchte. Lachend setzte ich mich zu Willi an den Tisch und erfahre eine Geschichte, wie ich sie so noch nicht oft gehört habe:

Aus Leidenschaft

Die Firma „Költgen GmbH" gibt es seit mehr als 20 Jahren. Willi hat damals sein Hobby zum Beruf gemacht. Aus Leidenschaft und ein wenig gezwungen durch einen Schicksalsschlag des Lebens. Plötzlich alleinerziehender Vater eines kleinen Kindes musste er aus geregelten und wenig flexiblen Bahnen des abhängigen Berufslebens aussteigen.
„Ich kann zwei Dinge besonders gut. Das eine ist das Schrauben an Motorrädern, das ich seit dem 14. Lebensjahr mache. Das andere ist die Kommunikation mit den Menschen. Was lag da näher, als sich selbständig zu machen."

 

Steuereinheit, für jedes Problem

Willi hat diesen Schritt gewagt und bis heute nicht bereut. Er bietet für Kraftfahrzeuge aller Art Lösungen für jedwede Mobilitätseinschränkung an. Dabei sind auch ausgefallene Umbauten machbar. „Geht nicht, gibt's nicht" ist bei ihm kein abgedroschener Spruch. Dass ihm als Motorradfahrer die Umbauten eben solcher Kraftfahrzeuge besonders am Herzen liegen, ist unübersehbar. Wer seinen Verkaufsraum betritt, sieht, fein aufgereiht, ein Motorrad neben dem anderen. Alle umgebaut nach Kundenwünschen und alle im Detail anders.
Sein Sohn, mittlerweile 30 Jahre alt, arbeitet seit kurzem auch im Familienbetrieb. Und er macht seinen Motorradführerschein. Der Vater konnte es nicht verhindern – und wollte es ernsthaft wohl auch nicht.

Hobby zum Beruf, hat das nicht etwas von „Learning by doing"...

Hobby zum Beruf, hat das nicht etwas von „Learning by doing"? Wilhelm Költgen wollte einen solchen Stallgeruch gar nicht erst entstehen lassen und hat damals vor der Handwerkskammer die Prüfung zum Zweiradmechaniker abgelegt – und seine Firma damit auf seriöse handwerkliche Füße gestellt.

Es gibt moralische Grenzen...

Natürlich fragt man sich bei der Vorstellung des behindertengerechten Motorradfahrens und des Umbaus von Fahrzeugen, die sich dann auch im Straßenverkehr bewegen, ob es nicht – neben technischen – auch moralische Grenzen der Abgabe von Fahrzeugen an Menschen gibt, die sich damit natürlich den täglichen Gefahren des Straßenverkehrs aussetzen.
„Die gibt es. Zum einen baue ich nur Fahrzeuge für körperlich behinderte Kunden um, zum anderen muss die Behinderung grundsätzlich ein sicheres Fahren mit dem Motorrad zulassen. Wenn ich erkenne, dass das nicht geht, lehne ich einen Auftrag auch ab. Dabei erinnere ich mich an einen Kunden, dessen Querschnittslähmung so ausgeprägt war, dass er sich überhaupt nicht hätte im Gleichgewicht halten können. Trotz eindringlicher Bitte musste ich den Mann wieder nach Hause schicken. So etwas mache ich nicht. Das ist unverantwortbar."

 

Sicheres Fahren mit Behinderung (Bild Wilhelm Költgen)

 

Arbeit mit einem Netzwerk aus Technikern, Ärzten, Prüfern und Fahrschulen...

Wilhelm Költgen ist bei der Beurteilung seiner Kunden nicht auf sich gestellt. Er arbeitet mit einem Netzwerk aus Technikern des TÜV, Fahrschulen, Verkehrsmedizinern und Fahrschulprüfern zusammen. Nur mit dieser engen und vernetzten Zusammenarbeit ist das Ansinnen des behindertengerechten Motorradfahrens überhaupt anzubieten und zu verantworten:

„Der Verkehrsmediziner stellt fest, ob ein Interessent überhaupt körperlich in der Lage wäre, ein umgebautes Motorrad zu fahren. Er gibt auch die Parameter des Umbaus vor, schreibt uns also in seinem Gutachten, was gemacht werden müsste, damit sein Patient sicher ein Motorrad bewegen kann.

Die Techniker des TÜV erweitern die rein medizinische Sicht der Dinge um die nötigen technischen Vorstellungen am Fahrzeug. Im Wesentlichen geht es dabei um die Frage, was gemacht werden müsste, damit das Fahrzeug dann auch abgenommen werden kann.

Ist die medizinische und technische Seite des Umbaus entsprechend umrissen, kümmern sich die Fahrschule und die Prüfer um die Erteilung oder Neuerteilung einer Fahrerlaubnis. Man kann dabei nicht irgendeine Fahrschule oder irgendeinen Prüfer bemühen. Die Arbeit mit Behinderten setzt Feingefühl und Empathie voraus, mehr als bei „normalen" Fahrschülern. Auch wollen sich nicht alle Prüfer mit Behinderten auf Motorrädern beschäftigen, die natürlich alle Bedingungen des Umgangs mit dem Fahrzeug erfüllen müssen, die auch an Nichtbehinderte gestellt werden."

Die Drähte des Netzwerks laufen in Willis Firma zusammen. Darauf legt er Wert, damit Abstimmungen zeitnah und zielgerichtet erfolgen können. Der lebensfrohe und selten um einen lustigen Spruch verlegene Firmeninhaber ist bei seiner Arbeit Perfektionist. Sein Auftrag und sein Selbstverständnis von Behinderung verlangen es von ihm.

„Behinderte Menschen wollen – wie alle anderen auch – am Leben teilhaben. So leben, sich so bewegen wie Nichtbehinderte. Sie wollen mobil sein, Motorrad fahren oder Auto fahren. Das möchte ich ihnen gefahrlos ermöglichen."

 

Am Leben teilhaben (Bild Wilhelm Költgen)

 

Zwei große Gruppen von Kunden, solche mit Führerschein und Führer-scheinneulinge...

Wilhelm Költgen unterscheidet grundsätzlich zwischen Kunden, die vor ihrer Behinderung bereits Motorradfahrer waren und deren Fahrerlaubnis auf Grund der körperlichen Veränderung erloschen ist und solchen, die erstmals Motorrad fahren wollen.

Bei ersteren kann er eine realistische Vorstellung vom Medium Motorrad voraussetzen. Aber auch hier setzt er Grenzen: „Als sich ein Kunde nach einem Motorradunfall auf ein umgebautes Motorrad in meiner Firma setzte, sah ich die Panik und die Flashbacks in seinen Augen. Ich konnte ihm seinen Wunsch nicht erfüllen, obwohl es rein technisch machbar gewesen wäre."

Bei Neukunden sind die Vorbereitungen komplexer. Es geht nicht nur um die medizinischen und technischen Fragen. „Für die spätere Fahrprobe ist eine komplexe Abstimmung zwischen TÜV, Prüfern und der Fahrschule erforderlich, damit die praktische Prüfung auch erfolgreich absolviert werden kann:
„Der Antrag auf Erteilung der Fahreignung muss – je nach Region – beim Straßenverkehrs- oder Landratsamt gestellt werden. Die Prüfer müssen ihr Einverständnis zur Art des Umbaus erklären. Sie stellen fest, dass der Interessent auch grundsätzlich mit einem solchen Fahrzeug umgehen kann. Erst danach beginnt die Arbeit der Fahrschulen mit der theoretischen und praktischen Beschulung. Dabei gibt es keine Bonusrunden oder Rücksichten. Der Neuling wird so geschult und geprüft, wie jeder andere auch, nur mit seinem umgebauten Fahrzeug. Natürlich weiß ich auf Grund meiner Erfahrung schon vorher, dass der Kunde in der Lage sein wird, mit meinem Umbau bei ausreichender Übung das Fahrzeug sicher zu bewegen. Denn der Umbau muss ja zur Anmeldung beim Amt zur Verfügung stehen."

Kunden, die bereits eine Fahrerlaubnis hatten...

Auch Kunden, die vor Ihrer Behinderung bereits Motorradfahrer waren, müssen ein ähnliches Prozedere durchlaufen wie Neukunden. Sie müssen bei der Straßenverkehrsbehörde einen Antrag auf Überprüfung der Fahrtüchtigkeit, der Fahreignung stellen. Dabei wählt der Kunde einen TÜV seiner Wahl aus. Danach erstellt der Verkehrsmediziner sein Gutachten. Eine theoretische Prüfung ist allerdings nicht mehr erforderlich. Die Fahrerlaubnis wird nur noch durch eine Fahrprobe aktualisiert. Der TÜV-Prüfer befindet dabei auch über die erforderlichen Auflagen."

Feetless Biking System

Willi ist in seinem Element, wenn er von seiner Zusammenarbeit mit Ämtern, Prüfern, Kunden und der Werkstattkoordination berichtet. Seine Begeisterung für die Aufgabe spiegelt sich in seiner Technik wider. Stolz präsentiert er sein patentiertes „Feetless Biking System" (F.B.S). Im Bruchteil einer Sekunde kann der Motorradfahrer Stützen am Hinterrad ausfahren, wenn er stehen bleiben will oder sehr langsam fährt. Die Hilfen sind übrigens so angebracht, dass sie den Fahrbetrieb nicht beeinträchtigen. Sie sind unumwunden schräglagentauglich. Verlegungen von Gas, Bremse und Schaltern und Fußrasten geraten da fast zur Nebensache. Übrigens, das F.B.S. kann auch Nichtbehinderten helfen, die zu klein für ihr Wunschmotorrads sind.

Willi ist Referent für Behindertenhilfe im BVDM...

Bei Wilhelm Költgens Vita ist es schon fast zwingend, dass er nicht nur seit Jahrzehnten Mitglied im BVDM (Bundesverband der Motorradfahrer) ist, sondern dort auch die Funktion des Referenten für die Behindertenhilfe bekleidet. Eine kompetentere Besetzung kann man sich nicht vorstellen.

Bei seiner Arbeit kommt für Willi das Motorradfahren fast zu kurz. „Leider komme ich viel zu selten dazu. Meine Arbeit lässt mir einfach nicht viel Raum für Fahrspaß und Aktivitäten rund um das Motorrad. Aber vor ein paar Wochen bin ich mit einer Gruppe behinderter Motorradfahrer in den Dolomiten gewesen und habe im Motorradfahrer Hotel für mächtig Aufsehen gesorgt. Die konnten gar nicht glauben, was sie morgens sahen. Wir sind einfach aufgestiegen und haben herrliche Runden durch die Bergwelt gedreht. Wie jeder andere Motorradfahrer auch."

Ausfahrt in den Dolomiten (Bild Wilhelm Költgen)

Wir minimieren unser Risikoverhalten...

Zum Abschluss habe ich noch eine Frage an Willi. Gibt es eigentlich für behinderte Motorradfahrer ein anderes Sicherheitsbewusstsein als für Nichtbehinderte? Fahren sie besonnener, vorsichtiger, bewusster?

„Wir minimieren schon unser Risikoverhalten. Während der eine oder andere bei 120% fährt, reichen uns vielleicht 95%. Es reicht ja eine Hand weniger, ein Bein weniger. Die Menschen betrachten sich als Solidargemeinschaft und gehen entsprechend rücksichtsvoll miteinander, mit sich und der Umwelt, um. Das erwarte ich auch. Die soziale Komponente ist der entscheidende Unterschied zu anderen Motorradgruppen. Ansonsten wollen wir als normale Menschen akzeptiert und angenommen werden. Und bei der Fahrt sieht man den Unterschied nicht."

In Wilhelm Karriere hat es noch keinen unzufriedenen Kunden und noch keinen Unfall mit einem von ihm umgebauten Motorrad gegeben. Das sagt nicht nur viel aus über die Qualität des Umbaus, sondern insbesondere über die Menschen, die diese Motorräder bewegen.

Kontakt:
Költgen GmbH
Wilhelm Költgen
Oberbenrader Straße 407
47804 Krefeld
Tel.: 02151-701236
info@koeltgen.de
https://www.koeltgen.de


G.H.-St.

 

Das Video zum Interview Wilhelm Költgen

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