Holstentor

Warum Tourenzielfahrt?

Warum fährst Du die Tourenzielfahrt, werde ich häufig gefragt. Meist mit dem Zusatz, dass man ja eigentlich genug Ziele hat und genügend schöne Strecken kennt, die man fahren kann. Aber lernt man so Neues kennen? Ein Erfahrungsbericht, warum es sich jedes Jahr wieder lohnt, die Tourenziele im Navi (oder in der Generalkarte) zu haben.

„Der Weg ist das Ziel"

Als regelmäßiger Teilnehmer wurde ich gebeten, doch mal etwas über meine Erlebnisse bei der Tourenzielfahrt zu schreiben. Gut gesagt, aber wie beschreibt man diesen (für mich persönlichen) Reiz jedes Jahr aufs Neue über 100 Ziele zu erhalten und aktiv einen Teil davon anzufahren? Nicht allein das Ziel ist der Reiz. Es sind die möglichen Wege, die man nutzen kann, wenn man zu seinem eigentlichen Ziel will oder muss. Dazu muss man wissen, dass ich schon seit vielen Jahren kein Auto mehr besitze und alle Wege mit dem Motorrad erledige. Da muss man eben aus den verschiedensten Gründen irgendwo hin und auch wieder zurück. Und genau hier ist die Liste der Tourenzielfahrtpunkte ein liebgewordenes Hilfsmittel, die Fahrt nicht langweilig oder gar zur Autobahnfahrerei werden zu lassen. Egal ob beruflicher Termin, Familienfeier, Fahrt in den Urlaub, Schulung, Seminar, Vorstellungsgespräch, Helfereinsatz, Beerdigung, Motorradtreffen . . .
Liegen Punkte auf oder in der Nähe der Strecke? Das ist immer die erste Frage, die sich bei der Planung einer Fahrstrecke stellt. Und eigentlich liegen immer Tourenzielfahrtpunkte irgendwo an der Strecke. Das Schöne daran: Man lernt Gegenden und Wege kennen, die man bei einer normalen Planung mit Karte oder Navi nie berücksichtigt hätte.

 

Wie geht die Tourenzielfahrt?

Informieren kann man sich auf der Webseite oder bei bisherigen Teilnehmern. Anmelden per Mail an tourenzielfahrt@bvdm.de. Die Teilnahme ist für BVDM-Mitglieder kostenlos, Nichtmitglieder zahlen 15 Euro. Nach Prüfung des Mitgliedsstatus bzw. des Geldeingangs erhaltet Ihr eine Mail mit allen weiteren Informationen. Ausschreibung, Jahresschild, Liste der Zielfahrtpunkte in Excel und als Datendatei für das Navi. Dann habt Ihr bis Ende des Jahres Zeit, die Punkte anzufahren.
Abgabeschluss war bisher immer einer der ersten Tage im Januar des Folgejahres. Persönlich nutze ich seit Jahren die Weihnachtstage, um mein Wertungsheft fertig zu machen und abzusenden – wenn ich nicht wie 2018 an den Weihnachtstagen noch Ziele anfahre. Man sollte die Punkte jedes Jahr im Navi haben! Man muss nur daran denken, am Ende des Jahres sein Wertungsheft fertig zu machen und auch abzuschicken.
2019 erhaltet Ihr eine Liste mit 101 Stadttoren. Es werden immer nur die 20 punktbesten Ziele gewertet. Man muss also nicht 101 Stadttore anfahren, um zu gewinnen. Aber mit der Liste im Navi hat man immer die Option, überraschend schöne Strecken zu finden, die man gar nicht im Plan hatte - das ganze Jahr über.
Die Siegerehrung erfolgt auf der BVDM-Jahreshauptversammlung des Folgejahres. Das ist meistens der letzte Samstag im April. Für BVDM-Mitglieder, die auch Mitglied im Landesverband Rhein-Ruhr e.V. sind, gibt es eine vereinsinterne Sonderwertung. Dort findet die Siegerehrung schon einen Monat früher statt, auf der Jahreshauptversammlung des LVRR.
Gleichzeitig wird hier unter allen Anwesenden auch das Thema der Tourenzielfahrt des Folgejahres gewählt.
Hier eine Übersicht über die Themen bisher: Historie der Tourenzielfahrt.

Was bleibt in Erinnerung?

Woran erinnere ich mich neben den vielen angefahrenen Tourenzielfahrtpunkten mit ihren Reizen? Natürlich an meinen ersten Tourenzielfahrtpunkt, den ich besucht habe - die Neckarbrücke in Lauffen am 15.03.2007. Nicht weil sie so besonders war oder viele Punkte brachte, sondern weil der Anlass traurig war. Eine liebe Tante im Schwäbischen war verstorben und ich wollte zur Beerdigung. Da ich zu früh dran war, fuhr ich meinen ersten Tourenzielfahrtpunkt an. In den folgenden Jahren gab es keine Motorradfahrt, zu welchem Anlass auch immer ich unterwegs war, die ich nicht für die Mitnahme des einen oder anderen Tourenzielfahrtpunktes genutzt hätte: Lehrgänge, Serviceeinsätze, Familie, Vorstellungsgespräche, Treffen, Helfereinsätze, Veranstaltungen, Sporteinsätze. Geht nicht, gab es nicht. Auf diese Art habe ich zwar noch nie gewonnen, aber seit dem Thema „Türme 2009" habe ich immer viel mehr Ziele besucht als nur diejenigen, die in die Wertung eingehen.

 

„Der kürzeste Weg"

Es bleiben auch Erinnerungen an viele auf „kürzestem Weg" angefahrene Punkte, nämlich wenn der Weg über kleinste aber traumhafte Straßen entlang von Flussläufen oder Tälern führte, die man ohne Tourenzielfahrtpunkt nie in Erwägung gezogen hätte. In den neuen Bundesländern sollte man da aber vorsichtig sein mit dem „kürzesten" Weg. Auf dem Weg zum Turm der Burgruine Landskron im Kreis Janow, kurz vor der Ostsee, habe ich mich 2009 mit meiner vollbepackten RT im Tiefsand festgefahren. Der Weg war als brauner Strich in der Generalkarte gekennzeichnet und das Navi kannte ihn auch. Es gibt auch noch unbefestigte Wege im deutschen Straßennetz! Auch Übermut ist nicht immer gut. Mai 2012, das Thema „Erde und Steine" - noch schnell auf der Rückfahrt von einem Lehrgang den Druidenstein in Herkersdorf mitgenommen. Es dämmerte bereits und am Stein war kein Mensch. Mutig mit der voll bepackten RT an den Stein heran und die Wiese rauf gefahren soweit die Reifen trugen. Das Abstellen in der Steigung auf den Seitenständer klappte. Aber dann rutschte die RT zurück bis der Seitenständer an einer Wurzel festhing. Aufrichten ging nicht. Vorwärtsschieben aufgrund der Steigung auch nicht. Starten ließ sich das Motorrad mit ausgeklappten Seitenständer ebenfalls nicht mehr. Und kein Mensch weit und breit um mal kurz mitzuschieben, um den Seitenständer von der Wurzel zu befreien. Eine gefühlte Ewigkeit später, mit abgenommenem Gepäck und nass geschwitzt, hatte ich die RT irgendwie von der Wurzel befreit und dazugelernt.
Besonders reizvoll für mich war auch die Anfahrt zur „Adenauer Villa" auf der Rückfahrt von einem Vorstellungsgespräch in Luxemburg. Das Thema 2016 war „Ruinen". Die Villa befand sich im Wald bei Duppach in der Eifel. Nur Waldwege führten dorthin. Wandern war keine Option, also die RT zu einem Fahrzeug der „Land- und Forstwirtschaft" erklärt und auf Waldwegen, die zudem vom Regen der Vortage noch ziemlich schlammig waren, immer in Richtung des GPS-Punktes bewegt. Nicht ohne mich zu verfahren, aber mit einem Heidenspaß. Die Adenauer Villa konnte man übrigens bis 22.01.19 ersteigern. Die alte Villa als Ruine ist nun also Geschichte.
2018 (Thema „Denkmäler") hat mich persönlich das Wilhelm Busch-Denkmal in Mechtshausen besonders bewegt. Hat doch meine Mutter hier im Krieg bei Verwandten auf dem Bauernhof gelebt. Wir haben dann auch noch das Geburtshaus von Wilhelm Busch im über 100 Landstraßen-Kilometern entfernten Wiedensahl besucht.

Und 2019?

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten habe ich nach Erhalt der Unterlagen für die „Stadttore" am 14.01. direkt mein erstes Ziel angefahren. Eine halbe elektrische Tankfüllung war es mir wert, ist doch Dormagen/Zons gerade mal 25 km von meiner Wohnung entfernt. Vielleicht war ich ja 2019 der Erste, der ein Stadttor besucht hat.
Probiert es aus! Tourenzielfahrt kann auch süchtig machen, wie ich im persönlichen Umfeld gerade erlebe.

Olaf Biethan