Harley Davidson

Fahrbericht Harley Davidson – LiveWire™

Harley? Ich? Zum Beginn meiner aktiven Motorradzeit, als Maschinenbau Student in den 80er Jahren, konnte ich nicht verstehen warum man so viel Geld für konstruktiv alte Technik ausgeben kann. Auch in den Jahrzehnten danach hat mich Harley, oder das Gefühl das mit Harley verbunden wird, nie gereizt. Das änderte sich erst, als Harley 2015 den Prototyp der LiveWire™ vorstellte. Seit 2020 kann man sie kaufen. Mitte Juni erhielt ich einen Newsletter mit der Betreffzeile: „Zeit für eine Probefahrt mit der LiveWire™“.
Neugierig war ich. Also kurzfristig einen Termin mit dem Kölner Händler gemacht. Am vereinbarten Wochentag schien der Wettergott nicht von der Idee begeistert zu sein. Es schüttet morgens große Wassermengen vom Himmel. Freiwillig verzögerte ich meine Abfahrt zum Termin, um nicht schon durchnässt die Harley in Empfang zu nehmen.

Background zum Fahrbericht und zur LiveWire

Zusammen mit Husqvarna und Royal Enfield ist Harley Davidson einer der drei ältesten noch existierenden Motorradhersteller. Harley hat ein spezielles Marken- und Kundenimage. Es überraschte nicht nur mich, dass ausgerechnet Harley als erster klassischer Motorradhersteller mit der elektrisch angetriebenen LiveWire™ die erste fahrbare Studie vorstellte. Auch mit Probefahrten in Deutschland. Seit 2020 kann man sie nun kaufen. Harley ist damit der erste und auch einzige erfahrene Motorradhersteller, der ein Elektromotorrad im Programm hat. Mit nominell 105 PS (78 kW) und einem Drehmoment von 116 Nm, das bei jeder Drehzahl anliegt, ist sie auf jeden Fall ausreichend motorisiert für jede im öffentlichen Straßenverkehr nur denkbare Fahrsituation. Persönlich besitze ich seit Jahrzehnten ausschließlich Motorräder. Alle täglichen Mobilitätsbedürfnisse werden, im Sommer wie im Winter, mit einem Motorrad erledigt. Seit knapp sechs Jahren auch elektrisch. Über 90 % der jährlichen Kilometer sind dabei weiterhin mit einem Verbrenner. Über 90 % aller Fahrten elektrisch (Arbeit, Einkaufen, Freunde besuchen). Dies erklärt in einigen Punkten sicher einen abweichenden Blickwinkel zum deutschen Durchschnittsfahrer.

Der Regen lässt nach. Mit 20 Minuten Verspätung treffe ich bei Harley Köln ein. Die Formalitäten sind schnell erledigt und Jan gibt mir eine kurze Einweisung in die Bedienung der LiveWire. Sie bietet umfangreiche Verbindungsmöglichkeiten mit einer Handy App. Ein Navi ist am Testmotorrad aber nicht „on Board“. Zur Stromversorgung externer Geräte steht, gut versteckt, ein USB-C Anschluss zur Verfügung. Die Sitzposition ist leicht nach vorne gebeugt mit sehr breitem Lenker. Am Anfang ein wenig gewöhnungsbedürftig, im Laufe des Tages konnte ich mich aber gut damit arrangieren. Auch klein gewachsene Fahrer sollten sicher mit den Füßen auf den Boden kommen. Die Akkuanzeige steht auf 99 Prozent und zeigt eine mögliche Reichweite von 171 Kilometer an. Der Regenmodus ist aktiviert. Es nieselt noch leicht und auf den ersten Metern spritzt mir das vom Vorderrad aufgewirbelte Wasser über den Helm. Der Spritzschutz an Vorder- und Hinterrad scheint ein Designelement zu sein ohne Schutzfunktion für den Fahrer. Fairerweise muss ich sagen, dass ich dieses Problem auch schon bei anderen neuen Motorrädern erlebt habe. Werden neue Motorräder nur noch bei schönem und trocknem Wetter getestet? Fahren übliche Käufer eines neuen Motorrads nicht mehr bei Regen?

Die Reichweite steigt!

Langsam schlängle ich mich im morgendlichen Kölner Berufsverkehr stadtauswärts. Der Lenker ist das mit Abstand breiteste Teil an der Maschine. An jeder Ampel reicht die Leistung im Regenmodus souverän aus, um sich vor alle anderen Verkehrsteilnehmer zu setzen. Die Bebauung wird weniger. Mit 96 Prozent Akkukapazität und einer mittlerweile angezeigten Reichweite von 220 Kilometern wechsle ich in den Eco-Modus. Deutlich spürbar ist jetzt beim Zudrehen des Gasgriffs die Rekuperation. Das bedeutet, die Bewegungsenergie wird wieder in elektrische Energie umgewandelt und das Fahrzeug dabei verzögert, ohne dass dabei die Bremsen betätigt werden müssen. Als ich endlich die ersten kurvigen Landstraßen im Bergischen erreiche, zeigt der Akku 93 Prozent und die angezeigte Restreichweite ist temporär auf 240 Kilometer gestiegen!

Handling, das begeistert!

Mit moderatem Tempo geht es weiter. Die Straßen sind noch nass. Die Erfahrung mit den montierten „Michelin Scorcher Sport“ fehlt mir. Meine Erfahrung mit Sportreifen ist eher, dass sie bei tiefen Temperaturen und nassen Straßen mit Vorsicht zu genießen sind. Das zunächst moderate Tempo ist aber eine reine Vorsichtmaßnahme. Die montierten Reifen, mit Harley Davidson Logo, wurden in keiner Situation an ihrer Haftgrenze bewegt. Was aber sofort auffällt, ist die Handlichkeit der LiveWire. Sie folgt einfach und ohne Kraftauffand jedem gewählten Kurventempo und ist leicht in Schräglage zu bringen. Sie fällt nicht von alleine in die Schräglage, muss aber auch nicht gedrückt werden. Sie fährt genauso, wie man es erwartet. Die 251 Kilogramm sind nicht zu spüren. Neben einer geglückten Lenkgeometrie trägt auch ein sehr tiefer Schwerpunkt zu diesen angenehmen Fahreigenschaften bei.

Auf einer kleinen kurvigen Straße laufe ich auf ein Auto auf. Der Fahrer schleicht um jede Kurve, gibt auf der Graden aber mächtig Gas. Endlich kommt eine kurze Gerade die das Überholen ermöglicht. Ein kräftiger Dreh mit der rechten Hand und im Eco-Modus katapultiert sich die LiveWire am beschleunigenden Auto vorbei. Keine 100 Meter später ist der Überholvorgang abgeschlossen. „Eco“ klingt zwar uncool, aber Leistung und vor allem Drehmoment sind ausreichend vorhanden für den alltäglichen Leistungsbedarf. Erste Straßen trocknen ab. Das Tempo wird höher. Über die rechte Lenkerarmatur lässt sich, auch während der Fahrt, der Fahrmodus wechseln. Im ersten Versuch lande ich im vom Eco-Modus aus im Sportmodus. Gefühlt ist die Beschleunigung noch größer, aber auch die Rekuperation. Auch im Sportmodus lässt sie sich angenehm auf den abtrocknenden Landstraßen fahren. Da ich mich nicht auf einer trockenen Rennstrecke befinde, sondern auf einer abtrockenden Landstraße, ist der feststellbare Unterschied zum Eco-Modus aber relativ gering.

Vier feste Fahrmodi und drei programmierbare

Es ist Zeit, den Straßenmodus einzulegen. Mittlerweile zügig unterwegs, nehme ich vor der nächsten Kurve Gas weg und es passiert gefühlt nichts! Ungebremst schießt die LiveWire auf die Kurve zu. Nun ist ein kräftiger Griff in die gut dosierbaren Brembo-Bremsen gefragt. Dieses Spiel wiederholt sich vor den nächsten Kurven. Im Straßenmodus hat die LiveWire quasi kein Bremsmoment, bzw. Rekuperation. Selbst meine 350er Enduro hat beim Gaswegnehmen ein größeres Bremsmoment, erst recht mein großvolumiger Kardanboxer. Mit dieser Einstellung, die an alte Zweitakter erinnert, komme ich nicht klar. Den Rest des Tages nutze ich ausschließlich den Sport- und Eco-Modus. Neben den vier bisher erwähnten Fahrmodi kann sich der Besitzer einer LiveWire auch noch drei weitere Fahrmodi selbst programmieren. Diese waren im Test nicht verfügbar. Die LiveWire bietet für den Besitzer auf jeden Fall mehr als genug Möglichkeiten, den persönlich perfekten Fahrmodus zu suchen und dauerhaft einzustellen. Gleiches sollte auch für das Fahrwerk gelten. Im linken vorderen Standrohr lässt sich die Federvorspannung verändern. Im rechten Standrohr finden sich Verstellschrauben zur Veränderung von Zug- und Druckstufe der Dämpfung. Im kurzen Test habe ich darauf verzichtet. Notwendig wäre es gewesen. Kleine kurze Unebenheiten gibt die getestete LiveWire ungedämpft an den Fahrer bzw. die Handgelenke weiter. Das Fahren über eine städtische Kopfsteinpflaster-Straße mit vorgegebem Tempo 30 ist die reinste Qual. Die Handgelenke signalisieren schmerzhaft, dass sie dies nicht lange mitmachen. Ein weicheres Ansprechen des Fahrwerks auf kleine Unebenheiten wäre ein Muss.

Kommunikation und connectivity

Die getestete LiveWire hat kein Navi und mein mitgebrachtes konnte ich auf die Schnelle mit Autohalterung nicht montieren. Nach Gefühl und Generalkarte kurve ich nun zügig durchs Bergische. Für den Rest des Tages zeigt sich die Sonne und die Straßen trocknen ab. Zeit für ein zweites Frühstück. Bei einem Bäcker hole ich mir Kaffee und Brötchen zum Mitnehmen. Die LiveWire parkt zwischen Blumenkübeln und Werbeständern an einer örtlichen Geschäftsstraße. Das Frühstück muss immer wieder unterbrochen werden, da vorbeigehende Passanten jeder Couleur interessiert Fragen stellen. Den H-D™ Connect-Service habe ich nicht genutzt, kommunikativ und verbindend ist die LiveWire auch ohne die Nutzung elektronischer Hilfsmittel.

Unbeeindruckt zeigt sich dagegen die Fauna von der LiveWire. Ob beim Fotostopp am Pferdegehege, unmittelbar neben einer Stute mit Fohlen, der Vorbeifahrt an der Kuhweide oder dem zufälligen Stopp, fast direkt neben einem die Beute fixierenden Reiher. Tiere scheinen sich nicht gestört zu fühlen von der leise dahin rollenden LiveWire. Pech für den Frosch. Der hat den Tag nicht überlebt und der Reiher wurde satt. Persönlich habe ich keine Motorgeräusche vermisst. Die unveränderten Windgeräusche am Helm bieten einen guten Indikator für die gefahrene Geschwindigkeit und ermahnen einem am Ortseingang nachdrücklich, dass man noch schneller als mit erlaubten 50 km/h unterwegs sein könnte.

Energie nachfüllen und extremer Wendekreis

Der nächste Weg führt über möglichst kurvige Straßen auf einen Kaffee zur Freundin. Sie soll im Anschluss noch ein paar Fahrfotos machen. Die Pause nutze ich, um die LiveWire an normaler Haushaltssteckdose zwischenzuladen. Das Ladekabel befindet sich unter der Sitzbank. Nach 50 Minuten ist die Kapazitätsanzeige von 44 auf 51 Prozent gestiegen (+ 7 %). Das ist ein sehr moderates Ladetempo. Ausreichend, um die LiveWire über Nacht oder während der Arbeitszeit in der Nähe des Arbeitsplatzes zuladen. Die Leistung, die dabei aus dem Stromnetz gezogen wird, sollte auch kompatibel sein mit älteren Hausinstallationen. Einfach den  Schukostecker in die normale 230V-Steckdose stecken. Für das schnelle Laden auf der Tour bietet Harley eine Schnellademöglichkeit an. Der Akku mit 15,5 kWh soll so in 40 Minuten zu 80 und in 60 Minuten zu 100 Prozent geladen sein. Weder habe ich das passende Ladekabel dabei, noch hat meine Freundin eine CCS-Ladestation – einen Schnelllader, der den Akku mit Gleichspannung speist. Wenige hundert Meter entfernt gäbe es aber die Möglichkeit durch den lokalen Stromanbieter. Wenn man mögliche Ladepunkte vor der Wochenendtour in der Routenplanung miteinbezieht und die Pausenpunkte entsprechend wählt, sind auch heute schon Tourenlängen möglich, die keinem Verbrenner nachstehen.

Für die Fotos geht es Richtung Rhein. Auf einer abschüssigen Straße Richtung Fähranleger muss ich wenden. Erst jetzt wird mir bewusst, welch großen Lenkeinschlag die LiveWire hat. In Sachen kleinstmöglicher Wendekreis spielt die LiveWire in der absoluten Top-Liga der derzeit verfügbaren Motorräder. Entsprechende Erfahrung vorausgesetzt ist es auf schmalen Straßen möglich, in einem Zug zu wenden. Links herum muss man sich dabei aber schon sehr strecken, da der Gasgriff, in Verbindung mit der vorgebeugten Sitzhaltung und dem breiten Lenker, sehr weit vom Körper entfernt ist.

Auch der Tag mit der LiveWire nähert sich dem Ende. Auf dem Weg Richtung Händler nehme ich schnell nochmal eine kleine kurvenreiche Straße mit mehreren engen Spitzkehren mit. Zweimal rauf und runter. Die Straße ist mittlerweile trocken, der Sportmodus gewählt. Zielgenau und sicher lässt sich die LiveWire auf der geplanten Linie durch die Kurven und Spitzkehren bewegen. Fantastisch! Ein derartiges Fahrverhalten hätte ich von einem Sportmotorrad erwartet, nicht von einer Harley! Dabei ist mir nicht klar, ob die LiveWire nun in die Kategorie Chopper, Bagger, Sportster oder einfach nur Naked Bike gehört. Egal, Spaß macht sie beim Fahren.

Auf der Rückfahrt zum Händler fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag keinen Blinker leuchten gesehen habe. Hat die Harley überhaupt welche? Nach kurzer Suche entdecke ich sie als Mini-LEDs vorne in den Lenkerarmaturen und hinten kaum sichtbar über dem Kennzeichen. Für alle, denen die Optik mit dem Kennzeichen unten am Spritzschutz nicht gefällt, bietet Harley Köln auch einen Kennzeichenhalter an, der zusammen mit der Fa. Kellermann entwickelt wurde und sich oben hinter der Sitzbank montieren lässt. Rücklicht, Bremslicht und Blinker sind dabei in zwei kaum sichtbare Leuchten integriert, die sich links und rechts neben dem Kennzeichen befinden.

 

Reichweite – Rekuperation und darf es etwas weiter sein?

Mit einer Restkapazität von 10 Prozent fahre ich wieder bei Harley Köln vor. Zieht man davon noch die Zwischengetankten 7 Prozent ab bin ich an diesem Tag über 200 Kilometer gefahren und habe dabei 98 Prozent der Akkukapazität verbraucht. Umso größer ist meine Überraschung, als ich abends beim Blick in die technischen Daten lese, dass die Harley gerade mal eine Reichweite von 158 Kilometern haben soll. Dies mag vielleicht nach WMTC-Modus stimmen. Nicht aber, wenn man die Autobahn meidet, sich überwiegend im urbanen Raum oder auf kleinen Landstraßen bewegt und größtmögliche Rekuperation nutzt. Harley ist auf jeden Fall der erste mir bekannte Hersteller von Elektromotorrädern, der bei der veröffentlichten Reichweite eher unter, als übertreibt.

Fazit

Wäre die LiveWire ein Motorrad, das ich mir kaufen würde? Vom einfachen Handling und der jederzeit souveränen Leistungsabgabe, die je nach gewählter Gasgriffstellung zwischen Gummiband, Expander oder Katapult variiert, auf jeden Fall. Abgesehen von einigen Kleinigkeiten gibt es aber zwei elementare Argumente, die dagegen sprechen. Zum einen ist es die nicht angebotene und vorhandene Transportkapazität. Es gibt keine Koffer, Seitentaschen, Topcase oder „Tankrucksack“. Für die alltäglichen Dinge, wie Regenbekleidung am heutigen Tag oder auch ein mögliches Schnelladekabel, bleibt nur der Rucksack auf dem eignen Rücken. Fairerweise muss ich sagen, dass diese Kritik auch an alle anderen Hersteller von aktuellen Elektromotorrädern geht. Immer exotischer designt, immer sportlichere Leistungsdaten - aber nicht geeignet für den Einsatz, bei dem Elektromotorräder schon heute die optimale Lösung sind: Der Befriedigung des täglichen individuellen persönlichen Transportbedürfnisses, vor allem im urbanen Raum. Auf den Weg zur Arbeit mal schnell einen Laptop aus dem Home-Office oder eine Thermoskanne verstauen? Nach Feierabend schnell noch ein paar Kleinigkeiten im Supermarkt kaufen und unterbringen? Fehlanzeige bei allen aktuell angebotenen Elektromotorrädern! Das zweite Argument ist aber noch entscheidender. Für den Kauf einer LiveWire, die in der Basis mit über 32.000 Euro in der Preisliste steht, hat mein Bankkonto schlicht zu wenig Substanz.

Was bleibt, ist die Feststellung „Without pipes – have fun“ und auch Harley Davidson baut richtig interessante Motorräder mit modernster Technik, die Spaß machen.