Crashtest

Todesrisiko Motorradfahren

war das Thema eines Pressegesprächs, zu dem der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft e.V., kurz GDV und deren Leiter der Unfallforschung, Siegfried Brockmann Ende Juli 2019 eingeladen hatten. Auf der Anlage der crashtest-service.com GmbH in Münster traf sich eine sehr heterogene Auswahl von Medienvertretern. Die Qualifikation reichte von Motorrad Fachjournalist bis Boulevardmagazin (ohne Bezug zum Motorrad). Selbst der WDR filmte und räumte dem Thema abends in der Aktuellen Stunde und Lokalzeit mehrfach Sendezeit ein. Aber welche neuen Erkenntnisse aus zwei Forschungsvorhaben hatten die Unfallforscher der Versicherer denn nun zu präsentieren?
Beide Untersuchungsschwerpunkte beschäftigten sich mit einer erneuten Auswertung der in der GDV Datenbank vorhandenen Unfälle mit schwer verletzten und getöteten Motorradfahrern aus den letzten 10 Jahren.
Wer jetzt aber neue Ansätze zur Verbesserung der Sicherheit von Motorradfahrern erwartet hatte, wurde enttäuscht! In den letzten 10 Jahren pendelte die Zahl der tödlich verunglückten Motorradfahrer immer um +/- 600 je Jahr. Die Zahl der tödlich verunglückten Autofahrer ist in den 10 Jahren aber weiter gesunken. Da ist es natürlich keine Überraschung, dass das „Fahrleistungsbezogene Risiko" mit einem Motorrad tödlich zu verunglücken, gegenüber dem Auto steigt.

Statistik sagt alles und nichts

Bei 94% der tödlich verunglückten Motorradfahrer wurde mindestens eine schwere Verletzung im Brustkorbbereich gefunden, unabhängig davon ob diese die tödliche Verletzung war. Bei verletzten Motorradfahrern dominierten andere Körperbereiche mit häufigen Verletzungen. Nachgewiesen hat man nun, dass bei einem Aufprall mit 50-60 km/h auf ein Hindernis mit einem Durchmesser von 7,5 cm, was der Dachkante eines Autos oder einem Leitplankenpfosten entspricht, auch alle handelsüblichen Air-Bag Westen keine tödlichen Verletzungen im Brustbereich verhindern können. Bei geringeren Geschwindigkeiten kann der Air-Bag Verletzungen im Brustbereich vermindern. Andere Schutzmöglichkeiten für den Brustbereich, z.B. Brustprotektoren wie sie im Offroad Bereich üblich sind, wurden nicht untersucht oder in Betracht gezogen. Ein weiterer Schwerpunkt war die Auswertung von „Unfällen mit Motorradgruppen". Zu einer „Motorradgruppe" zählen schon zwei Motorradfahrer. Auch hierzu gab es eine Vielzahl von Auswertungen, aus denen aber keine technischen Maßnahmen abgeleitet wurden. Generell bleibt natürlich die Empfehlung, auch in einer Motorrad-Gruppe einen sicheren Abstand zum Vorausfahrenden einzuhalten um noch reagieren zu können und sich nicht unter Gruppenzwang zu setzen.

Nichts Neues im Westen

Nichts Neues wurde präsentiert, nur vorhandene Zahlen neu ausgewertet. Einige Schlussfolgerungen halte ich zudem für arg bedenklich. Zitat „Zu 70% sind die Motorradfahrer selbst schuld, wenn sie tödlich verunglücken". Laut Statistik des GDV sind 50% aller tödlichen Unfälle Alleineunfälle. Aber ist da der Motorradfahrer immer schuld? Was ist mit dem Motorradfahrer der bei einem „Blow Up" (durch Hitze aufgebrochene Autobahn) stürzte? Gestorben durch Genickbruch an einem ungeschützten Leitplanken Pfosten. Oder als aktuelles Beispiel die deutsche Moto-Cross Legende Rolf Dieffenbach, der mit Sicherheit ein Motorrad beherrschte. Gestorben an einer Leitplanke nach technischem Defekt am Motorrad. In den Medien ebenfalls stark diskutiert, der Motorradfahrer der bei einem Sicherheitstraining gestorben ist. Mittlerweile weiß man, dass er infolge eines Herzinfarkts schon tot war, als er den Baum traf. Das hat keiner mehr berichtet. Waren diese auch selbst schuld?
Es gab keine Hinweise wie die Straßen-Infrastruktur verbessert werden könnte um schwere Verletzungen zu reduzieren. Ebenso wird es keine Empfehlung an die Automobilindustrie geben, wie man Details (z.B. Dachkanten) besser konstruiert um das Verletzungsrisiko zu verringern. Es gab immer nur die Aussage, dass der Motorradfahrer fast immer selbst Schuld ist wenn er sich verletzt oder stirbt – einfach weil er Motorrad fährt.

 

Crashtest

Interessant war die Demonstration eines realen Crashversuchs. Ein Motorrad prallt mit 70 km/h gegen ein schräg stehendes, abbiegendes Auto. Im Gegensatz zum starren Dummie wäre ein erfahrener Motorradfahrer im letzten Moment aber vielleicht aufgesprungen, um über das Auto zu fliegen und nicht, wie der Dummie, mit voller Wucht gegen die Dachkante zu prallen.

Einig waren sich alle Anwesenden aber in einem: Erfahrung hilft Unfälle zu vermeiden!

Daher sind Fahr- und Sicherheitstrainings ein unverzichtbares Mittel Unfälle und Verletzungen zu vermeiden.

Und wenn 94% aller tödlich Verunglückten schwere Verletzungen im Brustbereich hatten bleibt die Frage warum nicht mehr unternommen wird, um den Brustbereich in Motorradjacken und -bekleidung zu schützen. Es muss ja nicht gleich eine Air-Bag Weste sein. Im Offroadbereich (Moto-Cross, Enduro) haben sich Brustprotektoren seit Jahrzehnten bewährt. Warum gibt es etwas Vergleichbares nicht auch für Straßenfahrer? Sicher lassen sich Protektoren auch im Brustbereich von Motorradjacken einarbeiten oder spezielle Protektoren-Westen entwickeln, die an die Bedürfnisse der Straßenfahrer angepasst sind. Das ist allemal preiswerter als Air-Bag Westen, die der GDV untersucht und fordert.

Olaf Biethan